[Story]Der Gipfel der Welt

Dieses Thema im Forum "Der Geschichtenerzähler" wurde erstellt von Reeba, 13. April 2015.

  1. 13. April 2015 um 11:12 Uhr #1
    Reeba

    Reeba Plünderer

    Beiträge:
    105
    Punkte für Erfolge:
    18
    Liebes Forum, da Einige wieder nach alten D2-Stories suchen, poste ich hier noch einmal meine erste Geschichte. Sie deckt den fünften Akt des Spiels ab und erzählt den Verlauf aus Sicht mehrerer Charaktere nach.
    LG, Reeba

    ******

    Der Gipfel der Welt


    Kapitel 1


    Harrogath stand in der fünften Belagerungswoche, als die Gruppe Fremder die Stadtmauer erreichte.
    Das Haupttor, das dem Berg Arreat zugekehrt war und auf den Ausläufer hinausführte, über den zäh und nie verebbend Welle um Welle des Ansturms heranrollte, blieb seit Beginn der Belagerung geschlossen. Jeder, der in die Stadt hineinwollte - sei es, dass er zu den zahllosen Freiwilligen gehörte, die aus den umliegenden Dörfern herbeikamen, sei es, dass er einer der wenigen Reisenden war, die sich noch nach Harrogath wagten - wurde durch eine schmale Tür eingelassen, die an der Rückseite der Stadt lag. Tief im steil aufragenden Mauerwerk verborgen, diente sie sonst bei Feuersbrünsten als Fluchtweg oder, in friedlichen Zeiten, als Ausgang für Jäger und Kinder.

    Jetzt wurde sie streng bewacht und nur selten geöffnet.
    Caladon, dem bis Sonnenuntergang die Wache auf diesem Teil der Festungsmauer zugeteilt war, sah die Gruppe als Erster.
    Vier in lange Mäntel vermummte Menschen bewegten sich langsam über das weite, verschneite Feld auf die Stadt zu. Sie hielten an einer Wachpalisade kurz an, wo jeder Reisende Auskunft über Namen und Ziel geben musste, und setzten sich dann wieder in Bewegung. Mühsam arbeiteten sie sich durch den hohen Schnee voran. Der Wind zerrte an ihren Mänteln.

    Als die Gruppe sich der Mauer bis auf wenige Meter genähert hatte, verließ Caladon seinen Posten und betrat die Holztreppe, die zu der schmalen, feuchten Gasse hinunterführte, in die die Tür sich von außen öffnete.
    Er schob die hölzernen Riegel zurück, und der Wind drückte die Tür wie von selbst nach innen. In diesem Augenblick erzitterten die Grundfesten der Stadt unter zwei Einschlägen, die dicht aufeinander folgten - zwei von Hunderten Geschossen, die die Belagerungsmaschinen von Baals Armee täglich gegen Harrogath schleuderten. Caladon nahm die Einschläge kaum noch wahr.

    Auch die Fremden, die jetzt hereindrängten und einen Schwall kalter Luft hereinbrachten, zeigten kaum eine Regung, als der Boden erneut erzitterte. Schwefelgeruch machte sich bemerkbar, in einer entfernten Gasse liefen Menschen los, um einen Schwelbrand zu löschen.

    „Willkommen, Fremde“, sagte Caladon und trat zurück, um die Reisenden einzulassen und die Tür erneut zu verriegeln. Als er sich umwandte, entledigten sie sich gerade ihrer Kapuzen, und er sah, wen der Krieg nach Harrogath gebracht hatte.

    Ein junger Barbar, ein weiterer Mann und zwei Frauen.
    Die eine Frau war beinahe so groß wie er selbst, mit langen, flachsblonden Haaren und strengen, ausgeprägten Zügen. Als sie ihren Mantel aufschlug, erkannte er an ihrer Rüstung und ihren Waffen, dass sie eine Amazone war.
    Die andere Frau, wohl eine Assassine, trug das schwarze Haar kurz, eine schwarze Rüstung aus Leder und Stahl und mehrere Scheiden für jene Klingen, die Caladon hin und wieder bei Larzuk, dem Schmied, als Seltenheit hatte bewundern dürfen. Sie grüßte ihn, indem sie sich mit der behandschuhten Faust vor die Brust schlug. Sie war blass, jedoch nicht so blass wie der Mann, der auffallend im Hintergrund blieb.

    Ein Nekromant. Caladon musste nicht erst die mit seltsamen Symbolen übersäte Rüstung des Mannes sehen, um sich sicher zu sein. Er bemühte sich, den Fremden nicht anzustarren. Der Nekromant streifte ihn mit einem Blick aus milchigen Augen, bevor er sich abwandte.

    Der junge Barbar war der Einzige, der Caladon ein leichtes Lächeln schenkte.
    „Danke für dein Willkommen, Bruder", sagte er, während seine Gefährten bereits durch die Gasse davongingen. „Wir sind froh, hier zu sein. Wir sind hungrig und müde."

    Caladon bemerkte, dass eine schwere Brandverletzung den rechten Arm des Barbaren überzog. Der versuchte nicht, die Wunde zu verbergen. Neben seinen eigenen Waffen trug der Fremde ein riesiges, in fleckiges Tuch eingehülltes Bündel über der Schulter.

    Caladon wies dem Barbaren den Weg ins Zentrum der Anlage.
    „Ruht euch aus", fügte er noch hinzu, aus Freundlichkeit, aber auch aus Neugierde. „Hier seid ihr vorerst sicher. Unsere Lage ist ernst, aber wir erwarten nicht, dass die Dämonen und Schenk, ihr Anführer, die Stadt in den nächsten Tagen überwältigen."

    „Das glaube ich ebenso wenig", erwiderte der Barbar, bevor er sich abwandte. „Wir sind gekommen, um Schenk zu töten."


    ***


    „Wie bin ich vorgespannt den Kohlewagen meiner Trauer...“
    Leise singend trat Hadan aus den Schatten der Häuser in den Lichtkreis des Feuers.
    Harrogath schien keinen Schlaf zu kennen in diesen Tagen.
    Aus vielen Fenstern rings um den Platz glomm der schwache Schein von Herdfeuern. Es schneite nur noch sacht, und der Wind strich wie ermattet um die Dächer. Der Nekromant legte den Kopf in den Nacken und sah hoch in den Nachthimmel, an dem einzelne Sterne glitzerten. Er lauschte.

    Die Angriffe, das dumpfe Dröhnen, das Gemenge aus entfernten Schreien und polternden Maschinen, hatten bei Einbruch der Dunkelheit nachgelassen. Nur gelegentlich zog ein Brandsatz feurige Spuren über den Nachthimmel. Die Geschosse trafen in den seltensten Fällen.
    Die Luft war kalt und reiner als bei ihrer Ankunft. Hadan holte tief Atem.

    Eine Bewegung zu seiner Linken erregte seine Aufmerksamkeit. Ein Kind stand nahebei und sah an dem großen Mann hinauf. In der Hand hielt es eine Figur aus Stoffresten und einen Hühnerschlegel, beides fettbeschmiert, und auch das Gesichtchen glänzte. Es lief nicht fort, als er ihm seine bleichen Augen zuwandte.

    Nicht einmal das sichere Wissen darum, dass ihn dieses Kind in wenigen Jahren meiden würde, konnte ihm den Moment der Freude verleiden. Und das Kind sah, wie eine seltene Veränderung mit dem Gesicht des gespenstischen Fremden vorging. Er lächelte. Plötzlich war er für einen Lidschlag ein ganz gewöhnlicher Mann mit regelmäßigen, ansprechenden Zügen. Das Kind kicherte und hüpfte davon.

    Unnahbarkeit überdeckte sein Gesicht wieder so gründlich und plötzlich beim Herannahen einer weiteren Person, dass die Assassine wie in eine Maske blickte, als sie auf Hadan zutrat.


    ***
    Gogan gefällt das.
  2. 13. April 2015 um 11:13 Uhr #2
    Reeba

    Reeba Plünderer

    Beiträge:
    105
    Punkte für Erfolge:
    18
    „Urel schläft", richtete Eya das Wort an den Nekromanten . Mit keiner Silbe gedachte sie zu erwähnen, dass sie ihn und das Kind beobachtet hatte, und wie sie das an wenige andere Augenblicke erinnerte, in denen er sich sicher vor aller Augen verborgen geglaubt hatte. Sie sammelte diese Fetzen von Andersartigkeit, ohne zu wissen, warum.

    „Seine Wunde sieht gut aus - wenn er mich einen Blick darauf werfen lässt", erwiderte der Nekromant leise.
    „Ich weiß", sagte Eya. „Es ist, als ob er sie hütet, sie bewahren will.....wie etwas Heiliges...." Sie suchte den Blick des älteren Mannes und blieb im Perlmutt seiner Augen stecken.

    Eya war als Letzte zu der Gruppe gestoßen, vor Lut Gholein, und hatte die Anderen beharrlich genug mit Beweisen ihrer Tauglichkeit bedient.
    Wochenlang hatte sie sich geduldig zeigen müssen. Bis auf Urel und die Zauberin Calypso hatte kaum jemand mit ihr gesprochen. Schließlich hatten sie sie akzeptiert.

    Und es war der Tag gekommen, an dem Hadan sie gebeten hatte, zu bleiben.
    Die Erinnerung war frisch und grausam.

    Der im beißenden Rauch verzerrte Umriss des Nekromanten, ringsum Keuchen und entsetztes Schweigen, in das von irgendwoher raues Schluchzen Risse schlug. Die riesenhafte Leiche des Dämons, ein schwelender, stinkender Haufen aus Horn und gepanzertem Fleisch. Und Hadans Stimme aus zusammengepressten Zähnen. Wir brauchen dich. Wir sind so weit gekommen, aber jetzt... jetzt schaffen wir es nicht mehr allein.

    Von den sieben Kämpfern waren vier übrig.
    Der Druide, Kilian, lag verbrannt und verstümmelt, ein elendes Häuflein und im Sterben wieder zum Menschen geworden, nahebei. Eine meterlange Entladung aus verästelten Blitzen hatte ihn getroffen, als die Gruppe vereint auf Diablo eingedrungen war, und er war ohne einen Laut gestorben.
    Von Calypso, die dicht hinter ihm gewesen war, blieb nichts übrig als ein Ascheregen und der Diamant ihres Stabes. Ihr Begleiter, ein wortkarger Mann aus Lut Gholein, war bereits zugrunde gegangen, als sie die Kathedrale, Diablos Heimstätte, betreten hatten.

    Wir brauchen dich. Sie waren taub und blind gewesen vor Schmerz und Kummer, und Eya hatte ihr Schweigen Zustimmung genug sein lassen.
    Kilian lag auf einem namenlosen Feld in den Bergen begraben. Eine Zeitlang hatten sie seine Rüstung mit sich getragen, aber schließlich hatten sich die silberbeschlagenen, feuergeschwärzten Teile des Harnischs als zu schwer erwiesen. Der Aufstieg nach Harrogath machte es ihnen unmöglich, sich mit zusätzlichem Gepäck zu beladen. Doch Kilians Hammer reiste seitdem mit Urel, der die monströse Waffe mit Leichtigkeit schulterte und nicht mehr aus den Händen ließ.

    Sie brauchten sie, aber Eya war sich sehr wohl bewusst, dass sie die klaffende Lücke, die Kilians und Calypsos Tod in ihre Mitte gerissen hatte, nicht füllen konnte.

    Vorher waren sie schweigsame Begleiter gewesen, immer in Bewegung, doch nun war es anders. Das letzte Mal, dass ein Scherz die Gesichter der Gruppe - sogar das Malenas und das Hadans, die jeder für sich ungewöhnlich ernst waren - aufgehellt hatte, schien eine Ewigkeit her. Aber ebenso, wie der Tod ihrer Gefährten ihre Düsternis verstärkte, hatte er das Schweigen zwischen Einigen gebrochen.

    Ohne lange Umschweife führte nun gemeinsames Wachen, der Ausblick auf eine neue Gegend, ein nichtiges Ereignis wie fernes Wolfsheulen oder das gleichmäßige Schleifgeräusch beim allabendlichen Schärfen ihrer Waffen, sie in einen Wortwechsel. Gesprächsfetzen reihten sich aneinander, und das Einzigartige ihrer Situation versah sie mit oft traumwandlerischer Offenheit. Vielleicht war es auch, weil sie das Ende des Weges nahen fühlten und spürten, dass sie sich nichts mehr zu vergeben hatten.

    Eya hatte viel von Urel erfahren, der nach Tagen, in denen er überhaupt nicht sprach, stundenlang an ihrer Seite dahin stapfte und ihr von sich und den Anderen erzählte oder ihr Lieder vorsang. Die Toten mied er. Aber sie vermutete, dass viele der Lieder an die verblassenden Gestalten des Druiden und der Zauberin gerichtet waren.

    Mit Hadan, der immer ein wenig mühsam voranging, sprach sie selten. Sie wagte nicht, ihm Fragen zu stellen.
    Der Nekromant war ein großer, wortkarger Mann, kräftiger, als Nekromanten es ihrem Ruf nach waren, aber nicht mehr jung. Er verlor stets nur wenige und ruhige Worte. Sein Blick war meist nach innen gerichtet oder erging sich, Menschen meidend, in unbestimmter Ferne. Doch hin und wieder, wenn sie alle zusammen um das Lagerfeuer saßen, ertappte Eya ihn, wie er die Gesichter der Anderen lange und mit großer Eindringlichkeit ansah - meist das desjenigen, der sprach.

    Tagsüber, in Siedlungen, wenn sie mit Händlern oder Söldnern verhandelten, vertrat er die Angelegenheiten der Gruppe, zur Verwunderung Vieler. Dass die Leute unwillkürlich zurückwichen, wenn sie den großen, schwarzgekleideten Mann mit dem bleichen Gesicht auf sich zukommen sahen, dass sie vermieden, ihn zu berühren und ihn nur mit Widerwillen bedienten, ließ er ungerührt geschehen. Doch Eya fiel auf, dass er manchmal Urel oder Malena vorschickte und sich dann rasch und gründlich umsah, als sei ihm eine willkommene Atempause verschafft worden.

    Wenn er sich mit ihr unterhielt, dann über die Länder, die sie durchquerten, über Pflanzen, Gifte und Arzneien. Er hatte fast gelächelt, als die Assassine ihr Erstaunen über letzteren Gesprächsgegenstand geäußert hatte.
    „Die Menschen vermuten es nicht", hatte er erklärt, „aber wir brauchen Medizin als Gegenpart zu unseren Giften. Außerdem können wir durchaus verletzt werden." Er hatte kurz geschwiegen, während sie ihn angesehen hatte. „Die meisten Nekromanten sind nicht stark. Und auf die Hilfe der Menschen zu hoffen, wäre übertrieben vertrauensselig." Die leichte Bitterkeit in seiner Stimme war ihr trotz des spöttischen Untertons nicht verborgen geblieben.

    Er verwendete selten das Wort 'ich' und berührte die Nekromantie im Gespräch bevorzugt allgemein. Die Unnahbarkeit, der Abstand, den er gewahrt hielt zu allem, was menschlich war, umgab ihn wie ein Schild.

    Eya fiel es nicht schwer, die Furcht der Menschen vor einer Erscheinung wie der Hadans nachzuvollziehen, doch je länger sie Zeit in seiner Nähe verbrachte, desto mehr schien es ihr, dass sie begann, ihn wirklich zu sehen. Irgendeine Nische für seine Seele, in welchem Zustand sie auch sein mochte, hatte er sich geschaffen. Ohne dass sie seine Herkunft, seine Geschichte kannte, blieb er ein beunruhigender Gast in ihren Gedanken. Umso eifriger sammelte sie die Fetzen, die der Zufall ihr zuspielte, und legte sie behutsam beiseite. Sie war in allem sorgfältig, im Kämpfen wie im Fühlen, auch wenn sie es nicht wusste, und solange ein Mensch zu ihr sprach, konnte sie weitergehen.
    Malena jedoch war verstummt.
    Gogan gefällt das.
  3. 13. April 2015 um 11:16 Uhr #3
    Reeba

    Reeba Plünderer

    Beiträge:
    105
    Punkte für Erfolge:
    18
    Die Nacht wurde tiefer.
    Gewaltsam riss sich Eya aus ihren Gedanken.
    Hadan hatte sich am nahen Feuer niedergelassen und die Augen geschlossen.

    Zuweilen kamen Bewohner Harrogaths vorbei, die den Platz überquerten, und bedachten die Fremden mit kurzen Blicken. Ihre Schatten wanderten über die vom Feuerschein beleuchteten, unregelmäßigen Steinwände, bis sie verschwanden, in Seitengassen eintauchten, Stiegen zu Wachplätzen empor klommen, Gebäude betraten. Sie unterhielten sich leise, manchmal trug der schwache Wind sogar ein volltönendes Lachen heran. Die Stadt widerstand mit aller Lebenslust, die ihre Bewohner aufbringen konnten, und ließ fast vergessen, wie bald sie vielleicht aufgegeben werden musste.

    Die Assassine trat ebenfalls zum Feuer und ließ sich nieder.
    Hadan rührte sich nicht, aber Malena hob den Kopf und sah zu Eya hinüber. Der jungen Frau entglitt um ein Haar das Lächeln, das sie ihrer älteren Weggefährtin schenken wollte.

    Als sie Diablo überwunden und den hohen Preis für ihren Sieg vollends begriffen hatten, war Trauer in Malenas Augen eingezogen und hatte darin gewütet, und war wieder verschwunden, als die Tage des Kampfes weiter zurückfielen. Doch mit ihrem Verschwinden waren Malenas Augen erloschen. Jetzt wirkten sie wie ausgestanzte Löcher. Eine solche Leere und Hoffnungslosigkeit ging von ihnen aus, dass Zuspruch und Trost auf den Lippen ihrer Weggefährten verdorrten, als scheuten sie sich, einen Betrug zu versuchen.

    Eya sah sorgenvoll zu, wie sich Malena in ihren Mantel und eine Decke wickelte und sich auf die Seite rollte.
    Sie ahnte, dass die stolze Frau keine Hilfe erwartete. Diese stumme Entschlossenheit der Amazone, allein mit dem fertig zu werden, was sie quälte, hatte ihr anfangs Bewunderung abgenötigt, die sich jedoch bald in Bestürzung verwandelt hatte.

    Auch die Anderen trauerten, haderten mit dem Schicksal. Urel zeigte überhaupt das erste Mal innere Zerrissenheit. Hadan hatte nicht entschlossen versucht, seine Gefühle zu verbergen, wenn er ihre schwierige Auslegung auch wie gewohnt den Anderen überließ.
    Und Eya selbst fürchtete jede ruhige Stunde, wenn die Bilder wiederkehrten, die deutlicher wurden, anstatt zu verblassen.

    Malena jedoch, die von Gefahr zu Gefahr vorangeschritten war, unermüdlich, unbeirrt, wirkte wie jeden Antriebs beraubt. Sie hatte aufgehört zu essen, ihre Kunst als Schützin beim Wandern zu trainieren, indem sie auf ausgesuchte Ziele schoss, sprach kaum noch ein Wort. Sie war keine junge Frau mehr, älter als Hadan, aber sie hatte stets rücksichtslos und mit einer gewissen kantigen Geschmeidigkeit gekämpft. Nun aber bewegte sie sich wie eine Schlafwandlerin. Sie blieb nie hinter den Anderen zurück, klagte nie, aber es war, als müsse sie allezeit durch tiefes Wasser gehen. Was war ihr widerfahren, das sie den Anderen nicht anvertrauen wollte?

    „Junger Gast...“
    Eya schreckte aus ihren Gedanken auf.
    Eine alte, in einen rotbraunen Fellmantel gekleidete Frau stand neben ihr und hatte sie leise angesprochen. Sie lächelte begütigend. „Ich habe Euch sicher gestört."

    „Nein, nein", erwiderte Eya nicht ganz wahrheitsgemäß und wollte sich aufrappeln, aber die Alte gebot ihr, sitzen zu bleiben.
    „Niemand versteht besser als wir, wie schreckhaft man in diesen Tagen sein kann", sagte sie freundlich. „Ich bin Malah. Bevor ich meinem Krankenlager für heute den Rücken kehre und selbst zu Bett gehe, dachte ich, ein warmer Trank würde Euch sicher gut bekommen."

    Sie streckte Eya eine Art verzierter Kalebasse entgegen.
    „Oh, ja, gewiss. Ich danke Euch." Eya nahm das Gefäß. Es war warm und duftete nach Beeren und Getreide. Es abstellend, wollte sie der Alten noch eine gute Nacht wünschen, aber die hatte sich bereits in Bewegung gesetzt.

    Eya sah ihr nach, wie sie schließlich langsam die breite, flache Treppe zu jenem Gebäude hochstieg, das auch als Lazarett diente.
    Sie drehte sich Hadan zu. Mit Sicherheit wusste sie, dass er nicht schlief, und tatsächlich öffnete er die Augen sofort, als er ihre Bewegung spürte. „Eine Aufmerksamkeit von Denen, die eingesehen haben, dass wir vielleicht noch von Nutzen sein können?"

    Er nahm ihr die Kalebasse ab, während sie ihren Beutel nach Bechern durchsuchte.
    Seine Bemerkung ärgerte sie, da sie die Freundlichkeit Malahs als echt und uneigennützig empfunden hatte.

    „Oder auch die Gabe einer alten Frau, die einfach weiß, wie es ist, wenn man friert und hungrig ist", hielt sie entgegen, ohne ihn anzusehen. Mit zwei Bechern in der Hand drehte sie sich um und begegnete seinem Blick, der sie nachdenklich musterte. Der Ausdruck seiner farblosen Augen war schwer einzuordnen. Plötzlich schämte sie sich. Nein, beantwortete sie stumm die Frage, die ihr Inneres ihr stellte. Nein, ich weiß nicht, wie es ist, an deiner Stelle zu sein.

    Mit fahrigen Händen nahm sie ihm das Gefäß wieder ab und füllte die groben Holzbecher. Er hatte auf ihre Bemerkung nicht geantwortet, aber als sie die Becher nahmen, hob er seinen leicht an, in ihre Richtung, und sagte ohne Spott: „Auf ein besseres Morgen, wie du es dir erträumst."

    Schweigend, ein wenig unbehaglich, nippte sie an der zähen, dicklichen Flüssigkeit, die nach eingelagerten Beeren und dem kurzen Sommer der Berge schmeckte. Es war ganz ruhig ringsum, die Atemzüge von Urel und das leise knackende Feuer bildeten die einzigen nahen Geräusche. Die Lichter im Großteil der Gebäude erloschen eins nach dem anderen. Umso deutlicher flackerte der Schein der Wachfeuer von der Stadtmauer herüber.

    Hadan stellte seinen Becher ab.
    „Gleich morgen brechen wir auf", sagte er, und mit einem Mal kehrte die Erinnerung an ihr nächstes Ziel mit Macht zurück.

    Die wohlige Wärme und das Gefühl, sich in einer normalen Sphäre aufzuhalten, wo die Gedanken über ihre Mitmenschen und das Erleben des Augenblicks alles bedeuteten, alles waren, was zählte, schwanden. Die Assassine fröstelte und nickte zustimmend.
    Unwillkürlich glitten ihre Augen zu den Umrissen des Mannes hinüber, der nahebei saß, und die Einsicht, wie sehr sie alle aufeinander angewiesen waren, erfüllte sie ganz.

    Jeder für sich genommen war stark, durchaus, aber nicht stark genug. Hadan konnte Schenk nicht eigenhändig töten, und er wusste es. Eya bewunderte seine Kunst, aber sie hasste und fürchtete die Demonstrationen seiner Macht. Es war eine Verbundenheit von Geist und Leben darin, die ihr Angst einjagte, die sie nicht verstand, weil sie sich so sehr vom Kampf mit Waffen unterschied.

    Urel war zu jung.
    Malena war in Bedrängnis nicht so hilflos wie der Nekromant, aber auch sie benötigte die Unterstützung andersgearteter Kämpfer, um sich voll zu entfalten.
    Und sie selbst konnte von Glück sagen, bislang alle Kämpfe überlebt zu haben.


    ****

    ENDE Kapitel 1
    Gogan gefällt das.